Aggro Berlin

So!
Stunde Null.
The beginning…

Gerade kam ich von Düsseldorf aus, wieder nach Berlin.
Vom 1-Live-Sektor zurück in den Sowjetischen Sektor.
Das erste blog, das ich vor einiger Zeit bereits mal führte und dessen Sinn vorrangig aus dem Frust und der Abneigung gegenüber Welt und täglicher Absurdität schöpfte, ging irgendwann in Ruhepause.

Nach allmählichem Heranreifen neuen Stoffes und mit Berlin sozusagen im 9. Monat meines Unbehagens ist Schluss mit dem intrauterinen Schweigen;
Es kann wieder losgehen:

Meine Stimmungskurve hat ja schon lange irgendwie kein Auf mehr erlebt und dass mich meine Stadt nicht hinreichend zufriedenstellt, dessen bin ich seit Anbeginn gewahr. Aber die Abneigung die mich dieser Tage hinsichtlich Berlin überkommt, schreit danach, ein völlig neues blog ins Leben zu rufen.
Deswegen Tacheles jetzt!
(Pää!)

Also zum Thema:
Ick kann nich sagen, was mich mehr stört: Die Stadtstruktur, die Bevölkerung, oder die trendige Atmo, wegen der die Nachbarn alle hergekommen sind.

Alleine geographisch gesehen ist Berlin bereits eine Anfechtung: Ich wünschte mir ein Zentrum, aber wie zentral etwas ist, ist ’ne schwierige Frage, es kommt darauf an wo Du Dein Zelt genau aufgeschlagen hast.
Man könnte sagen Berlin hat viele Zentren, oder meinetwegen auch: Berlin ist ein riesiges Zentrum oder: Berlin hat kein Zentrum.
In allem steckt ein Stück Wahrheit. Am einfachsten könnte man es allerdings so umschreiben:
Egal wo Du Dich befindest: Du musst woanders hin! Und sei gewiss; ob es nun der Gang zur Uni ist, oder ob man seine Freundin besucht: jeder Weg stiehlt Dir wenigstens 60 min. Deiner kostbaren Zeit.
Alleine die Stunden, die der Durchschnittsberliner (an dieser Stelle möchte ich nochmal ausdrücklich Abstand nehmen!) in Ringbahn und dunklen Unterführungen verschwendet, könnte man in anderen Städten nutzen um ein ganzes Studium abzulegen.
Es bleibt mir rätselhaft, wie Menschen Berlin als Stadt bezeichnen können, wenn es doch in letzter Konsequenz immer als das Bundesland zutage tritt, dessen Durchquerung gefühlte Wochen in Anspruch nimmt.
Ich bin mit meiner Lage sicherlich ein wenig randständig positioniert, aber ich sehe auch von hier genug.

Man stellt sich hier alles irgendwie ein wenig schillernder vor. Nirgendwo hat man das Gefühl, wirklich von den großen europäischen Ereignissen umgeben zu sein, die hier stattfinden sollen, die erwartete Ansiedlung großer Konzerne trat niemals ein. Die Promis denen man über den Weg läuft, nerven.
Sie nerven weil sie einem im riesigen Gewusel der Menschen, mitten im sinnlosen Strudel des Lebens und all den aufeinander prallenden Interessen hier, den Stich ins Herz versetzen, man würde doch tat-säch-lich jmd. wiedertreffen, den man irgendwoher kennt. Und dann ist es doch wieder nur eine weitere vom-sehen-her-Bekannte, eine Staffage, die mit ihrem Soup-gesichtchen in Charlottenburg hausieren geht.

Berlin ist der beste Ort um sein Leben zu vergeuden. Die Stadt ist eine einzige breitbesoffene Parade von Immigranten, faulen „Studis“ und Schwulen, die endlos dahinfeiern und dabei so bedeutungsvoll leer aussehen, dass es mir beinahe kommt.
Sie raven für den Frieden und sitzstreiken für Freiheit. Dass hier gar niemand in Unfreiheit lebt oder den Frieden gefährdet, ist dabei völlig unerheblich.
Der freie Geist durchströöömt meine Generation bis in die letzte Zelle und alle surfen auf dieser völlig reaktionären Welle verbündlerischen Widerstandes gegen Weißauchnichtgenau.. Das wird dann halt ausgelebt.
Ein billigerer Aufguss der 68er geht eigentlich gar nicht…
Und die Mode, ja, die Mode! Die so offenkundigst bemüht andersartige Mode hier!
Die Zeit, in der ich kleinsten, ästhetischen, musikalischen oder sprachlichen Fehltritten meiner sozialen Umgebung rücksichtlos & spottwütig begegnete ist irgendwie vorbei. Aber als reflektierender Außenstehender – so möchte ich das jetzt mal sagen – der sich mit nichts identifiziert, ist es hier schwierig dieses Thema zu übergehen.
Macht es den Mainstream wirklich so viel weniger seelenlos, weil er von pseudoalternativen Linken gestellt wird?
Der ganze Osten kleidet sich hier übertrieben einen auf Kunst – immer mit diesem gezielten Zug ins Lächerliche.
Und dann diese Flut von billigen Kunstgallerien – abgehalfterte Konzeptkünstler und wrackähnliche Aktionsartefakte, die nicht mal dem Image eines guten Trashfilms gerecht würden.
Jeder will hier eine Ausstellung vollhängen, eine Platte vollsingen, schlicht: sich künsterlich schon mal gar nicht vorenthalten.
Dieses Phänomen, was im Regelfall nur die Aufmerksamkeit von anderen Bemühten auf sich ziehen kann, geistert dann unter hilflosen Etiketten wie „urban art“ oder noch besser: „Provokation“ durch die Bezirke…
Wenn sich dabei nur nicht jeder so ernst nehmen würde.

Jeder will damit der Genialste, Widerständigste, und Wahrhaftigste sein. Außenstehende der Gesellschaft. Mit einem aufklärerischen Anspruch hat das nichts mehr zu tun, trotzdem muss sich irgendwie jeder politisch äußern.
Ein ehrlicher Ausdruck ihrer besonderen (!!!), facettenreichen Persönlichkeit, wegen der sie gar nicht anders können, als sie vollkommen unkommerziell zum Ausdruck zu bringen.
Wir sind Vogelfrei.
Wir sind Kultur.
Wir sind der Gegenentwurf denken die…
Ein Dreck sind sie…ehrlich mal!
Mit einer Gitarre aufzutreten macht heute niemanden mehr zu einem Widerstandskämpfer.
Und für lange Haare braucht man auch keinen besonderen Grund mehr.

Dieser ganze Autonomen – und Protestlerquatsch hier in Berlin…
Dämliche Hausbesetzer mit ihren Volxküchen!
Putscher ohne Stoßrichtung!
Hauptsache kämpfen und sich dabei ausmalen, wie ihre Generation als einiges Untergrundskollektiv dabei war!
Wo genau weiß ich auch nicht…
Ich wünsche mir rheinische Bürgerinitiativen zurück, die im Neue-Shoppingmall-vs.-Alter Baum-Konflikt zwar so unglaublich naiv wirken, aber wenigstens das, was sie gerade tun, aufrichtig als längst überfällige Replik auf viel zu lange hingenommenes Unrecht empfinden.
Auch weil man sie stets ass-im-ärmelich aus Geringfügigkeit einfach ignorieren kann…
Stattdessen ist Berlin aber voll von übereifrigen Exhibitionisten, die mit Steinen schmeißen wollen. Da sie aber nicht wissen wohin, beschriften sie, getrieben von Irrungen und Wirrungen Plakate mit überflüssigen Parolen, diese Schmierfinken, einfach weil Aufstand so eine großartige, romantische Sache ist und bieten ihre politischen Tänzchen dar.
Völlig plemplem.

Ein anderer großer Dorn im Auge  sind mir langsam all die Drogen, von denen man uns hier so unfassbar viel zumutet.
Ist ja rein für sich genommen was feines. Und einem intelligenten, kreativen Arbeitsprozess muss das ebenfalls nicht im Wege stehen. Aber diese Stadt ist 24/7 am chillen, keiner kommt voran, so was wie Bringschuld existiert einfach nicht und wenn jemand im Rausch etwas schreibt, dann kann er es zumindest doch noch mal nüchtern gegenlesen, oder?
Denkt man…

Leider ist diese Stadt so furchtbar absackbar.
Wer hier nicht eisern in eine breitflächige Durchsetzung investieren will um zu leben, trägt sein Dasein in geringer Unbemerktheit, fügt sich einfach den Vielzuvielen und ihrer Atmo!
Wer hier hin kommt, um den Anschein von brachliegendem Potenzial zu erwecken, als Rohstoff entdeckt zu werden – jedoch ohne dabei verzweifelt oder bedürftig auszusehen – der geht unter oder versinkt in Kontemplation. Hat einfach die Stadt nicht verstanden!

Ich nenne sie übrigens die AlternativePhonies, die den Kiez zum überlaufen bringen und möchte dabei Holden grüßen.

In bin dieser Stadt überdrüssig.
Meinetwegen stehe ich damit auch allein.

Man könnte sagen, ich trüge Dostojewskijs Kellerloch in meiner Seele:

Berlin treibt mich in den Mangel an Außenwelt, die Entwöhnung von allem Lebendigen und die sorgfältig gepflegte Bosheit im Kellerloch.

Whatever.
Ich bin raus!

Ich wünsche Dir Berlin, dass Deine Freiheit noch ewiglich währt!
Ich wünsche den Studenten noch weiterhin viel Engagement.
Den ganzen Trendökos wünsch ich mal einen Messias, der sie zurück auf’s Land führte, Ihnen ihre ursprüngliche Bestimmung wiedergäbe, und Sie zudem von all ihren geistigen und materiellen Aufhängern befreite. Damit jeder mal wieder ein wenig klarer sähe.
Und den Revoluzzern wünsche ich, dass sie mir nicht folgen mögen.
Am besten noch unbemerkt oder sowas.
Aber glauben würd ich’s eh nicht…

 

And when I’m tired of walking alone
I just put my headphones on….

Advertisements

13 thoughts on “Aggro Berlin

  1. traugott says:

    jonny, cool wieder was zu lesen!

    ziehst du weg?

  2. Alex says:

    Und das am Tag der Unabhängigkeit :o)

    Ich stimme Dir weitesgehend zu. Und das auch noch als Berliner, wa!?

    Ich wünsch Dir alles Gute bei WeißtDuselbstambesten!

  3. Daniel says:

    Im Zentrum zu wohnen ist schon kuhl. Ich bin jedenfalls froh, dass ich gleichzeitig in den Hauptstädten von zwei Bundesländern wohne. Zentraler geht’s kaum … allerdings könnte hier etwas mehr Wald sein … und das Meer… naja, am Rheinufer ist es auch ganz schön…

  4. Puschti says:

    Joar… netter Text :)

    Könnte fast zustimmen aber ich bin ja kein 68er oder Alternativer Revoluzer… von daher… gelangweilte Grüße aus der Hauptstadt Schleswig Holsteins mit ca. 400 mehr Bürgern als Krefeld… (was ist Krefeld?)

    Hier haben wir nur wenige Alternative, die meisten anderen tun norddeutsch versnobt und lachen allemals über Berliner (weil sie an der Spree schlecht ihre Jachten oder Schiki-Micki-Klamotten spazieren führen könnten) und sind genervt von der dahinsiechenden Kunsthalle.

    Wer nach Berlin zieht, muss wissen auf was er sich einlässt…

    So geil wie die drauf waren endlich den Bundestag zu bekommen, hätte man das doch wissen können.

    War selbst das letzte Mal vor 4-5 Jahren in Berlin und da wars eine einzige Baustelle…

    Ich hoffe:
    1. die erste russische Atombombe die auf Deutschland los geschickt wird landet in Berlin
    2. du und ein paar andere Berliner die mir mehr oder weniger nahe stehen sind in dem Moment grad nicht in unmittelbarer Umgebung.

    ok, das war jetzt ein bischen böse und obendrein nicht ernst gemeint.

    War aber ein witziger Text und nett zu lesen :)
    Hoffentlich kommt noch mehr…

  5. evelyn says:

    schade das du nicht mehr in berlin bist…

  6. jonny says:

    Ja, langsam plagt mich auch die Sehnsucht…

  7. flipemall says:

    thanks, i enjoyed the read

  8. Just stumbled upon your website while doing a Google search. Great info BTW.. My sis advised me about your site and how great it is. She’s right, I’m really impressed with the writing and slick design. An increase in Additional .

  9. Pretty insightful post. Never thought that it was this simple after all. I had spent a good deal of my time looking for someone to explain this subject clearly and you

  10. Wonderful article! You are truly blessed with writing talent. Your article gave me many original points to ponder. Thank you for thought-provoking and interesting material.

  11. I haven’t been interested in an article like yours in a long time. Your take on this subject pulls a lot of weight with me. Your article is very intelligent and I enjoyed reading it.

  12. vimax says:

    Anyone that has read this kind of information in the past knows how hard it is to get a fresh view on it. You have made this task a little easier with your article. Thanks.

  13. Some writers tend to come and go, but I think you’ll be around a long time. As long as you keep pumping out this kind of content you’ll be popular. Thanks for the great information.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: