Leid & Eskapismus…

Hier ein freier Essay zur ‘Genealogie der Moral‘ Nietzsches, letztes Jahr im Seminar bei Herrn Gunter Gebauer erstellt:

Zur Genealogie der Moral

Die zweite Abhandlung der Genealogie der Moral „Schuld, Schlechtes Gewissen, und Verwandtes“ fragt, durch welche Prozeduren der Bestrafung, Techniken der Mnemonik, soziale Praktiken und Zwänge das „schlechte Gewissen“ als internalisierte Bestrafungsinstanz und das souveraine Individuum, welches versprechen darf, geformt und hervorgebracht worden ist.

Insbesondere geht Nietzsche dabei auf die Obligationen-Rechte zwischen Gläubiger und Schuldner ein. Er geht davon aus, dass „jeder erlittene Schaden irgend worin sein Äquivalent gehabt habe und wirklich abgezahlt werden konnte, sei es selbst durch einen Schmerz des Schädigers“. (S.298)

Ein solches Vertragsverhältnis sei so alt, wie es überhaupt Rechtssubjekte gäbe.

Konnte in früheren Zeiten ein Mann seine Schulden nicht durch Geld oder anderen Besitz tilgen, so galt ersatzweise dem Gläubiger eine Rückzahlung in Form von „Wohlgefühl“ als angemessen und gerecht. Hierbei ging es um den „Genuss der Vergewaltigung“. So konnte der Gläubiger dem Schuldiger Schmerz zufügen oder seinem Leib einen entsprechenden – vielleicht sogar bereits beim Vertragsabschluss ausgehandelten – Betrag an Fleisch herunterschneiden. Die Lust, das Vergnügen und die Genugtuung am Schmerz des anderen, galt als natürlicher Ausgleich, und das „Anrecht auf Grausamkeit“ stand selbst für das reinste Gewissen an der Tagesordnung. „Leiden-sehn thut wohl, Leiden-machen noch wohler“ sei über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte eine ganz einfache, natürliche und moralisch nicht verwerfliche Wahrheit gewesen, der man sich nicht schämte, sondern festlich ergötzte.

Während „das Leben damals auf Erden heiterer war“ und das Leiden-machen als ein unverzichtbarer „Verführungs-köder“ zum Leben erschien (S.303), sei das Leben heute durch die “krankhafte Verzärtlichung und Vermoralisierung“ unschmackhaft geworden (S.302). Der Mensch finge an, sich all seiner Instinkte zu schämen und verliere die Freude und Unschuld des Tieres.

Die Lust an der Grausamkeit sei jedoch nicht vollkommen ausgestorben, das Leiden an sich sei nämlich nicht das, was empöre, sondern viel mehr nur die Sinnlosigkeit im Leiden.

Und mit diesem Ausspruch trifft Nietzsche genau den Kern. Was uns heute als sinnlos erscheinen kann, ist und war für viele durchaus zweckmäßig und erfüllend. Nimmt man das Beispiel des Christen, dem durch Leiden „Heilsgewissheit“ widerfährt (Joh 3,16; Römer 3,28) oder das des Griechen, der allen Schmerz und jeden Schicksalsschlag nur in Hinsicht auf die Zuschauer verstand, die darauf hinabblickten, bekommt das Leiden wieder seinen alten, erhabenen Wert.

Christoph Schlingensief, in erster Linie Film – und Theaterregisseur, sagte einmal: „Wenn dein Leben sich in eine Tragödie verwandelt, versuche, sie als Zuschauer zu betrachten.“

Jedes Übel ist gerechtfertigt, an dessen Anblick ein Gott sich erbaut“, so Nietzsche (S.304).

Es ist die Art, sich selber und seine Geschichte zu reflektieren, zu erzählen oder sich beobachtet zu wissen, die nicht nur die Nutzlosigkeit des zeugenlosen, kaum zu ertragenen Leides auslöscht, sondern dem Leid als solches sogar einen nicht zu unterschätzenden Wert verleiht.

Die Beispiele, welche Nietzsche anbringt (S.304), sind hier sehr treffend: „Mit welchen Augen glaubt ihr denn, dass Homer seine Götter auf die Schicksale der Menschen niederblicken liess? Welchen letzten Sinn hatten im Grunde trojanische Kriege und ähnliche tragische Furchtbarkeiten?

Die ganze antike Menschheit sei voll von „zarten Rücksichten auf den Zuschauer“ (S.305).

Schafft der Mensch es – bleiben wir bei dem Beispiel des Griechen – sich von seinen hilflosen Empfindungen und seiner Subjektivität zu lösen, und diese als Außenstehender, aus der Sicht der Götter zu betrachten, sich so auf diese Weise mit ihnen zu identifizieren und seine eigenen biographischen Schwerpunkte vor seinem geistigen Auge ablaufen zu sehen, als beschäftige er sich mit einem fremden Handlungsablauf, so fällt es ihm nicht schwer, sein Leid auf eine ästhetische Stufe zu heben und ihm auch eine kausale Sinnhaftigkeit zuzuschreiben.

Der Grieche kann sich selbst beispielsweise als jemand in einer Rolle einer Tragödie für die Götter, und das eigene Leben als Stoff, eines wichtigeren, größeren Zusammenhangs oder einer sinnvollen Abhandlung begreifen.

Ich denke dabei auch an griechische Heldenmythen. Nietzsche zufolge dachten sich später die Moralphilosophen die Augen Gottes noch auf den Heroismus herrabblicken. Er war ein Festspiel für die Götter (S.305). So zeichnete es den Helden stets aus, als ein ausgesetztes Opfer zur Welt zu kommen (Otto Ranks „The Myth of the Birth of the Hero“), sein Leben war umwoben, von einem ihn immer wieder einholenden Drama, einer allesdurchdringenden Kränkung die vorerst von ihm stumm erlitten wird, um sich später heroisch zu erheben um von einem hilflosen Opfer zum selbstbestimmten Täter aufzusteigen.

Wer die Geschichte des Helden liest, hört schon aus dem Schmerz seiner Kindheit die Prophezeiung seines späteren Handelns.

Es scheint, als gäbe die frühe Lebensgefahr des Helden ihm den Drang zur Steigerung erst mit auf den Weg. Die Augenblicke und das Leid seines Lebens stapeln sich nicht sinnlos aufeinander, sondern sie entwickeln sich in eine Richtung, einem Ende entgegen, welches das anfängliche Leid rechtfertigt. Jede Stelle der Heldengeschichte, lässt sich eindeutig als relevant für den weiteren Geschichtsverlauf ausmachen, die Tatsache, dass diese Momente und auch der Held selbst nur bestehen, weil der Geschichtenerzähler sich auf sie beruft, eine Kausalität herstellt und jeder Teil der Geschichte vom goldenen Ende angezogen wird, machen die prophetischen Sorgen und Schmerzen des Protagonisten für den Zuhörer beinahe zu etwas Kostbarem.

Lebt man nun von diesen Geschichten der Götter oder von denen der besagten Heils-Maschinerie umgeben und sieht man sich und alles, was einem geschieht, durch sie hindurch, so behält alles seine Zweckmäßigkeit. Das empfundene Leid führt durch die Projektion in eine öffentliche, „beobachtete Sphäre“ in gewisser Hinsicht zu Befriedigung, zu Rechtfertigung und womöglich wird es hierdurch nicht nur erträglich gemacht, sondern schürt evtl. sogar eine Sehnsucht danach, in diesem Leiden aufzugehen, solange es nicht unbeachtet verstreicht.

Der Tendenz der „krankhaften Verzärtlichung“, von der in der Genealogie der Moral die Rede ist, würde durch das erneute Aufkommen eines Sinnes im Leiden, sei es kultureller oder religiöser Art, entgegengewirkt werden. Es fehlt lediglich der Sinn für den Zuschauer und den Leiden-Macher.

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4 thoughts on “Leid & Eskapismus…

  1. gattume says:

    hattest Du es auch vorlesen müssen, oder?

  2. Jonny says:

    Nää. War Abschlussarbeit. Aber sonst auf jeden ; )

  3. Vielleicht solltest du dieses (und andere) Werke gezielt Suchenden bei Grin anbieten ? Freue mich heute noch über den quartalsmäßigen Zehner, den das bei mir abwirft ;-). Ich sehe das Perlenpotenzial !

  4. Jonny says:

    Was ist Grin?

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